Sprechen und Zuhören

Sprechen und Zuhören

Im letzten Blog habe ich Ihnen von der Lesung erzählt, die wir mit unseren KollegInnen aus nah und fern im Literaturhaus Berlin veranstaltet haben. Eine Passage aus dem Text von Beate Friedrich-Lautenbach ist mir besonders in Erinnerung geblieben:

Wir haben nie darüber gesprochen, was seit 1944 passiert war: über den Tod der Mutter, des Vaters, die Flucht, den Tod der Oma, des Bruders, die Jahre, bevor wir in den Westen kamen, die Zeit der Ungewissheit unter den russischen Besatzern. Das haben wir überhaupt nie erwähnt. Nie. Es war für uns tabu. Wie es für mich selbst auch jahrelang kein Wort darüber gab. Auch innerlich nicht. Darüber habe ich erst in der letzten Zeit gesprochen. Es war alles abgedeckt. Zugedeckt war es. Es war unmöglich, sich damit zu befassen. Man hätte es nicht ausgehalten. Unsere Unterhaltungen drehten sich deshalb um Alltägliches, Naheliegendes. Wir unterhielten uns auch gern über Fußball.

Für mich ist es unfassbar, wie man so lange über etwas schweigen kann, was einen so sehr erschüttert haben muss. Alles abgedeckt.

Ganz anders erlebe ich meine beiden aktuellen Kunden: Ein Ehepaar, das sich eine Biografie zum 65. Hochzeitstag wünscht. Beide Flüchtlinge, sie aus Ostpreußen, er aus Schlesien. Sie haben Unfassbares erlebt: Tod der Mutter, Verlust der Heimat, Zwangsarbeit in Russland, Kindersoldat, Nachkriegswirren.

Die beiden Eheleute haben sich ihre Erlebnisse schon oft erzählt und die Orte ihres Lebens aufgesucht – ob auf Fotos, im Internet oder weil sie selbst noch einmal in ihre alte Heimat gereist sind.

Mehr erzähle ich nicht, die Geschichte des Ehepaars soll schließlich der Familie vorbehalten bleiben.

Nur eines noch: Es ist eine Freude, diese beiden Menschen zu erleben. Wie sie einander liebevoll ins Wort fallen, sich ergänzen und im Gespräch immer den anderen im Blick haben. Das Zusammensein mit ihnen lehrt mich einmal mehr, wie wichtig etwas so Einfaches ist: Sprechen und Zuhören.


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