3 Gründe für dieses Buch: Dieser Mensch war ich. Von Christiane zu Salm

3 Gründe für dieses Buch: Dieser Mensch war ich. Von Christiane zu Salm

Erst vor Kurzem las ich ein Buch, das schon 2013 erschien und zum Spiegel-Bestseller wurde:   Dieser Mensch war ich. Christiane zu Salm, Medienfrau und Kunstsammlerin, beschreibt im Vorwort, wie sie ehrenamtliche Sterbebegleiterin wurde. Während des Kurses sollte sie in 15 Minuten einen Nachruf auf sich selbst verfassen. Ein einschneidendes Erlebnis, das sie später auf die Idee zu ihrem Buch brachte: Sterbende dabei zu unterstützen, ihren eigenen Nachruf zu schreiben. So hat sie fast hundert Menschen bei ihren Gedanken zugehört und Dutzende Texte in Dieser Mensch war ich versammelt.

Mich haben diese Geschichten sehr bewegt. Hier die drei Hauptgründe, das Buch zu lesen. Auch wenn das neue:  Weiterleben. Nach dem Verlust eines geliebten Menschen , schon in der Pipeline ist.

 

  1. Die Bandbreite.

Jeder Text ist nur zwischen einer und drei Seiten lang, aber jeder hat es in sich. Ich komme nicht aus dem Staunen raus, wie unterschiedlich Leben verlaufen. Warum entwickelt sich der eine Mensch so, warum der andere so? Zum Beispiel Bärbel Koch, gestorben mit 70 (alle Namen sind anonymisiert) Bärbel Koch wuchs bei Pflegeeltern auf, musste den Selbstmord der Pflegemutter miterleben und wurde noch nicht volljährig schwanger. Das Kind wurde ihr genommen. Bärbel Koch heiratete einen alkoholkranken Tunichtgut mit dem sie weitere drei Kinder bekam, und versorgte die Familie durch ihre Arbeit beim Schlachthof und in der Näherei. Ein hartes Dasein. Doch dieses sind ihre letzten Worte: Ich habe überhaupt keine Angst vor dem Sterben, war doch ein tolles Leben. Ich fühle mich leicht und bin gut drauf. Vier tolle Kinder habe ich, die alle für mich da sind, was will ich mehr. Mein einer Sohn ist schwul, eine Tochter lesbisch, alles dabei. Das Leben geht eben so, wie es geht. Da kann kommen was will.

Dann die Leben, die einfach so vergingen, Bekenntnisse von Homosexualität, von unehelichen Kindern, von Lebenslügen, aber auch „erfüllte“ Leben.

 

  1. Die Ehrlichkeit.

Die Texte sind anonymisiert, ja. Aber alle Menschen, mit denen Christiane zu Salm sprach, haben sie vor Veröffentlichung autorisiert. Fast niemand verlangte eine abgemilderte Fassung seines Lebensberichtes. Ich bin beeindruckt davon, wie ehrlich die Menschen berichten, auch über vermeintlich verpfuschte Leben. Peter Liebmann, 73: Ich hätte früher mein Leben leben sollen. Tanja Eschbach, 63: Mein Leben lang habe ich immer gewartet. Johanna Thalmann, 53: Mein Leben hat mich bis zuletzt einfach gelebt.

Wie entwaffnend banal manche Gedanken sind, wie normal. Die Kassiererin Klaudia Lobing, die den Kontakt zu ihren Kunden liebte, fragt sich: Eine Zeit lang kam ein Mann jeden Abend kurz vor Ladenschluss, kaufte immer dasselbe: Äpfel, eine Flasche Bier und eine Packung Windeln. Jeden Abend. Wozu braucht jemand täglich eine Packung Windeln?… Das hätte ich gern noch mal gewusst, bevor ich sterbe.

 

  1. Die Lehre.

Klar denke ich mit jeder Zeile des Buches an mich selbst. Was würde ich schreiben, wenn ich mich diesen 15 Minuten stellen würde, denen Christiane zu Salm sich gestellt hat? Und ich verstehe die Menschen, die wie Ulrike Pötzsch, 53, schreiben: Ich bin unendlich wütend. Sauer auf das Leben, sauer auf das Sterbenmüssen. Aber ich bewundere die Menschen, denen es gelingt, ihr Schicksal anzunehmen. Nach schwierigen, aber zuletzt glücklichen Ehejahren und der anschließenden Krebsdiagnose ist die 50-jährige Marianne Weber sicher: Gott wird schon seinen Plan mit mir gehabt haben, weswegen ich die Welt jetzt verlassen muss… Ich bin rund mit mir, das ist doch die Hauptsache.

Christiane zu Salm schreibt über ihren eigenen Lernprozess: Erst später verstand ich, dass es bei dem Rückblick am Lebensende nicht so sehr um ein Urteil geht, sondern darum, sein Leben so anzunehmen, wie es war.

Das Buch ist kein Buch über das Sterben, sondern über das Leben, steht auf dem Umschlag. Doch die Leute sterben mit der Einstellung, mit der sie leben. Nicht ohne Grund lässt Christiane zu Salm den 76-jährigen Frank Mason den Reigen der Nachrufe abschließen: Macht euch die letzten Tage schön! Pumpt euch zu mit Schmerzmitteln, sodass ihr nichts mehr spürt, und dann habt Spaß. Jeden Tag, bis zum letzten.

Lebenslustig.

 

Am 17. Oktober erscheint das neue Buch von Christiane zu Salm: Weiterleben. Nach dem Verlust eines geliebten Menschen , Goldmann, 19,99 €

Auch tolle Miniaturen: Die  Nachrufe am Freitag im Berliner Tagesspiegel.


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