Hautnah erleben: Warum die Ausstellung „Wir waren Nachbarn“ einen Besuch wert ist

Hautnah erleben: Warum die Ausstellung „Wir waren Nachbarn“ einen Besuch wert ist

Ehrlicherweise lese ich nicht so gern dicke Sachbücher – noch nicht einmal über Themen, die mich eigentlich interessieren. Der Nationalsozialismus zum Beispiel. Deshalb schaute ich mir die Dauerausstellung im Schöneberger Rathaus in Berlin an.

Diese Ausstellung ging mir richtig unter die Haut. Warum? Weil es hier nicht ganz allgemein um die jüdische Bevölkerung geht, sondern gezeigt wird, wie es einzelnen Mitbürgern ergangen ist. In Schöneberg wohnten besonders viele Juden.

Für alle – besonders junge Leute

Die Ausstellung macht diese Zeit besonders für junge Leute super nachvollziehbar. Die Reichskristallnacht 1938 etwa scheint für einen 14-jährigen endlos weit weg. Was hat diese jüngere deutsche Geschichte mit uns heute zu tun?

Hier gibt es Antworten! Die Ausstellung besteht aus einem großen, modern eingerichteten Saal mit wanddeckenden Regalen und vielen Tischen in der Mitte.

  • Auf diesen Tischen liegen biografische Alben, die man einfach durchblättern oder genauer betrachten kann. Das sind keine Wälzer sondern ziemlich kompakte Schriften mit vielen Bildern. Zu manchen kann man sich sogar noch Originalstimmen anhören.
  • Besonders beeindruckend finde ich die Bücher, in denen alle Straßen von Schöneberg aufgeführt sind. Bei jeder Hausnummer steht verzeichnet, welche jüdischen Mitbürger wann und wohin deportiert wurden. Soweit bekannt. Ich glaube, in meinem ehemaligen Wohnhaus in der Goltzstraße 40 a und b mit Vorderhaus, Seitenflügel und Hinterhaus waren es 11 Menschen. Und die Nachbarn haben es nicht mitbekommen? Besonders beim Blättern in diesen Büchern stelle ich mir vor, ich hätte zu dieser Zeit in meinem Haus gelebt. Was hätte ich gemacht?
  • Von den Ausstellungsmachern werden monatlich Lesungen organisiert mit Menschen, die in der Nazizeit gelebt haben. Im Anschluss an die Lesung kann man Fragen stellen. Die Zeitzeugen wissen, dass die meisten heute sich die Zeit des Nationalsozialismus nicht vorstellen können. Es ist ihr Anliegen davon zu berichten, damit sich diese Geschehnisse nicht wiederholen. Deshalb gibt es auch keine dummen Fragen. Das Engagement ist besonders wertvoll, weil es immer weniger Zeitzeugen gibt.
  • Einmal im Monat zeigt die Ausstellung einen Film zum Thema Nazizeit. Ich erinnere mich noch gut an einen der ersten Filme, den ich dazu gesehen habe: Die weiße Rose, der vom Widerstand der Geschwister Scholl handelt. Abgesehen davon, dass ich mich in den Hauptdarsteller Hans verknallte, entwickelte ich eine unendliche Ehrfurcht vor der mutigen Gruppe und mein Interesse für diese Zeit war geweckt. Es gibt ziemlich viele gute Filme über diese Zeit.

Ein Besuch in der Ausstellung ist alles andere als ein Sonntagsausflug in eine französische Impressionistenausstellung. Aber es lohnt sich unbedingt. Ich werde wieder hingehen.

Öffnungszeiten:

Mo-So 10-18 Uhr, Freitags geschlossen

Rathaus Schöneberg, John-F.-Kennedy-Platz 1, 10825 Berlin, Tel.: 030  90 277 – 45 27

Eintritt frei


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