Meine Geschichte heißt Lebensgeschichte

17. Mai 2013 Allgemein 1

„Ich bin schon über 40 Jahre alt.

Ich habe 1 Bruder und 3 Schwestern.

Meine Geschwister sind alle jünger als ich.

 

Ich habe meinen Namen geändert.

Meinen richtigen Namen will ich nicht sagen.

Wenn ich meinen richtigen Namen sage,

habe ich Angst, dass sich die BetreuerInnen aufregen.“ (Johannes Georg)

 

„Bei meiner Geburt hat es Probleme gegeben.

Und so ist es passiert,

dass ich zu wenig Sauerstoff gekriegt habe.

Dadurch habe ich meine Behinderung bekommen.

Bei manchen Dingen brauche ich etwas länger.

Auch das Sprechen fällt mir schwerer.

Trotzdem weiß ich, was ich will!“  (Agatha Müller)

 

„Ich war in vielen Schulen.

Im Nachbardorf in einer Sonderschule.

Nachher in einem Ort weiter weg im Internat.

Da hat es mir gefallen.

Da war ich oft Schi fahren und rodeln.

Das war super.

Das war eine Schule für geistig Behinderte.“ (Martin B.)

 

„Wechselnde Bezugspersonen=Aggression, Angst, Verlust.

Versperrte Glastüren.

Bettruhe.

Alles mit den anderen tun müssen.

Im Heim wird man zurechtgebogen.

Man wird erzogen.

Auch als Erwachsene wird man wie ein Kind behandelt.“

                                                                              (Melanie Hupfauf)

 

„Ich habe viele Berufsvorbereitungen gemacht.

Ich habe in einem Projekt gelernt, wie man Regale einräumt.

Und wie man mit KundInnen umgeht.

Dann habe ich 2 Monate in einem Supermarkt ein Praktikum gemacht.

Aber ich bin drauf gekommen, dass mir da meine Füße wehtaten.

                                                                                            (Elfriede Brauner)

 

„Ich war 15 Jahre in einer Werkstätte.

Jetzt arbeite ich in einem Büro.

In der Werkstätte habe ich Taschengeld verdient.

Das waren 45 Euro im Monat.

Das war komisch für mich, weil andere Leute viel mehr verdienten.

Es hat mich sehr gestört.

Ich habe Sorge gehabt, weil es sehr wenig Geld war.“ (Kurt Halbeisen)

 

„Ich bin mir sicher, dass alle Menschen mit Behinderung

Mit der richtigen Unterstützung ihre Ziele erreichen können.

Ich habe mein Ziel, die Lehre erfolgreich abzuschließen, erreicht.

Und Sie können das auch!

Sie müssen sich das nur zutrauen!“ (Willibald Jodokus)

 

„Träume.

Man darf nicht träumen.

Vielleicht später einmal.

Jetzt wohne ich noch dort.

Später einmal vielleicht eine eigene Wohnung = tun können, was ich will.

Nicht mehr sagen brauchen, was ich mache.

So, wie andere das machen.

Geld verdienen.

Selbst bestimmen.“ (Melanie Hupfauf)

 

(Auszüge aus: Das Mutbuch. Lebensgeschichten von Frauen und Männern mit Lernschwierigkeiten. Hg.von: Selbstbestimmt Leben Innsbruck – Wibs)


1 Gedanke zu “Meine Geschichte heißt Lebensgeschichte”

  • 1
    Grit Kramert am 1. Juni 2013 Antworten

    Hallo Katja,
    vielen Dank für diese Buchauszüge.
    Kommentarlos. Selbstredend. Nachwirkend.
    Willibald Jodokus macht Mut mit seiner Aussage: „Ich bin mir sicher, dass alle Menschen mit Behinderung mit der richtigen Unterstützung ihre Ziele erreichen können.“ Ich denke, dass an der
    notwendigen Unterstützung in unserer Gesellschaft allerdings noch gearbeitet werden muss. Viel zu häufig werden die Defizite als Hindernis gesehen. Aber lohnt es nicht, einmal zu betrachten, was eine Person außer ihren Defiziten ausmacht, wo ihre Stärken liegen? In der Persönlichkeit, Liebenswürdigkeit, Lebensfreude, Kreativität und so unendlich vielem mehr.
    Die Firma auticon in Berlin hat über den Tellerrand gesehen und stellt Autisten für Tätigkeiten ein, die genau ihren Stärken entsprechen. Das Arbeitsumfeld wurde auf ihre Bedürfnisse ausgerichtet. Kürzlich las ich, dass auch SAP Autisten einstellen möchte. Ich kann mir gut vorstellen, dass sich viele Beispiele finden lassen, wie man Menschen mit Handycap ein selbstbestimmtes Leben bei angemessener Bezahlung ermöglichen kann, wenn man sich einfach mal von dem ungesunden Größer-weiter-schneller-Prinzip verabschiedet und den Menschen als das betrachtet, was er ist – ein einzigartiges Individuum.

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