Rollenwechsel: Menschen mit Behinderung in der Geschichte

Rollenwechsel: Menschen mit Behinderung in der Geschichte

Kürzlich stieß ich auf ein Buch, das schon im letzten Jahr 2017 erschienen ist: „Widerspenstig, eigensinnig, unbequem. Die unbekannte Geschichte behinderter Menschen“ von Udo Sierck. Was auf dem Buchrücken stand, machte mich als Biografin neugierig: „Zwanzig Biografien porträtieren behinderte Frauen und Männer vom Mittelalter bis in die Gegenwart mit unterschiedlichen körperlichen, geistigen oder psychischen Einschränkungen (…) Der Blick des Autors richtet sich auf das Widerspenstige und Eigensinnige als positives Merkmal behinderter Menschen.“

Dieser biografische Teil nimmt – anders als ich dachte – nur das letzte Drittel des 174 Seiten umfassenden Buches ein. Aber das macht nichts: die vorhergehenden Seiten sind lesenswert.

Udo Sierck schließt den biografischen Teil an den „theoretischen“ Teil seines Buches an. Dieser überwiegende Teil des Buches beginnt mit Reflexionen zur Opferrolle, streift anschließend durch die Geschichte der Behinderten seit dem Mittelalter bis heute und mündet im Kapitel mit dem Titel Subjekt statt Opfer.

Beeindruckend finde ich, wie schon zu Beginn herausgestellt wird, dass der Begriff des Opfers durchaus ein zweischneidiger ist: Zum Beispiel in der Nazi-Zeit, in der alkoholsüchtige Männer zwangssterilisiert oder ermordet wurden (S. 13). Opfer? Und wenn sie im Alkoholrausch ihre Frauen und Kinder misshandelt haben? Später hat Hanna Arendt die Funktion von Judenräten in jüdischen Ghettos hinterfragt (S.15) und dafür Kritik eingesteckt.

Menschen mit Behinderung seit dem Mittelalter

Ich möchte hier Siercks kurzem Gang durch die Geschichte folgen, weil mir vieles unbekannt war:

Im Mittelalter lebten Menschen mit Behinderung nicht hinter Anstaltsmauern, sondern gehörten zum Alltag. Ein Gemälde von Pieter Brueghel aus dem Jahr 1568 zeigt fünf Bettler, die z.T. aufgrund von Amputationen schwer gehbehindert sind. Interpretatoren lesen aus diesem Bild alles Mögliche. Doch: „Es ist verblüffend,“ schreibt Sierck, „warum anscheinend niemand auf die Idee gekommen ist, in dem Gemälde eine Gruppe Krüppel zu erkennen, die sich gemeinsam auf ihr Tagwerk vorbereitet und darüber verständigt haben, wer in welche Richtung loszieht“(S. 34). Obwohl Menschen mit Behinderung oft Bettler waren, (und so wird das Bild ebenfalls manchmal betitelt) zeigt er hier eine Lesart auf, die die Versehrten nicht in einer Opferrolle sieht.

Diego Velázquez: Las Menidas (die Hoffräulein)

Ein weiteres Beispiel für die andere Lesart von Sierck: Im 19. Jahrhundert standen die Freak Shows noch in voller Blüte – Besucher begafften auf Jahrmärkten gegen Eintrittsgeld ungewöhnlich aussehende Menschen. So versicherten sie sich ihrer eigenen Normalität (S.58). Sierck schreibt, dass vor allem die nicht geistig behinderten Darsteller Einfluss auf ihre Inszenierung hatten und mit dem Niedergang der Freakshows im 20. Jahrhundert arbeitslos wurden. Vielleicht etwas zynisch heißt es hier: ein Job ist immerhin ein Job, auch wenn er mies ist (S.59).

Menschen mit Behinderung wurden von der Gesellschaft irgendwie mitgetragen, lebten aber auch im Armenhaus. Im 17. und 18. Jahrhundert wanderten die Widerständigen unter den Armen vom Armenhaus ins Zuchthaus. Das war gedacht für Männer, Frauen, Kinder und „schwache Personen“ (S.50), Letztgenannte wurden etwa vom 19. Jahrhundert an in Heil- und Pflegeanstalten separiert. Was in der Nazizeit passierte, ist unter dem Begriff T4 bekannt: Die direkte Tötung („Euthanasie“) von Menschen mit körperlichen, geistigen oder psychischen Erkrankungen. Oder „wilde Euthanasie“ durch gezieltes Aushungern.

Hinweise auf widerspenstige Menschen mit Behinderung gibt es in dieser Zeit nicht viele, aber es gibt sie: In der Landesheilanstalt in Salzburg lebten im April 1941 etwa 500 Menschen. 262 von ihnen sollten zur Tötung weggebracht. Beim letzten Transport hatte sich herumgesprochen, wohin die Reise ging. Die Bewohner weigerten sich, die Autobusse zu besteigen. Sie mussten mit Gewalt verladen werden (S.68), bevor sie ihrem Tod entgegenfuhren.

Drei Jahrzehnte lang wurde die Tötung von Menschen mit Behinderung im Nationalsozialismus kaum thematisiert.

Nach 1945

Langsam begann eine emanzipatorische Behindertenbewegung, die angetrieben wurde von der Widerspenstigkeit einiger. Wie diese begrenzt wurden und auch heute noch werden durch gesellschaftlich verankerte Vorstellungen von Leistung und Arbeit, durch die Diskriminierung von ver-rückt-sein, die Tabuisierung von Sexualität und die Erziehung zur Dankbarkeit, vertieft Sierck in vier Kapiteln, bevor der biografische Teil des Buches beginnt.

Der biografische Teil

Der Biedermeier-Maler Adolph Menzel wird hier erwähnt, von dem ich nicht wusste, dass er nur ein Meter vierzig groß war. Aufgrund seiner „Gnomenhaftigkeit“ wurde er vom Militärdienst befreit und schaffte es mit Beharrlichkeit bis zum Hof Friedrichs des Großen. Dort erhielt er den Beinamen „die kleine Eminenz“. Ein anderes Beispiel für außergewöhnliche Beharrlichkeit ist Margarete Steiff. Sie litt an den Folgen einer Kinderlähmung, die sie aber nicht daran hinderte, sich dem frommen, folgsamen Ideal einer Frau zu widersetzen und erfolgreiche Stofftier-Unternehmerin zu werden. Weniger bekannt ist Julius Klingebiel, ein Maler mit psychischer Beeinträchtigung, der die T$-Aktionen überlebte und anschließend in einem Verwahrungshaus die Wände seiner Zelle über Jahre hinweg bemalte. Oder Judith Scott, eine Künstlerin mit Down Syndrom, die nach 35 Jahren von ihrer Zwillingsschwester aus einer Einrichtung geholt wurde und anschließend einzigartige Skulpturen nach ganz eigenen Vorstellungen schuf. Dabei scherte sie sich nicht um den Blickwinkel des Betrachters(einer der wenigen Menschen mit geistiger Behinderung, die in diesem Teil vorkommen).

Das sind Biografien von Menschen, die andere Wege gegangen sind und einen Rollenwechsel vollzogen vom Opfer zum Subjekt. Diese Lebensläufe machen wach und ermutigen zugleich, die zum Teil auch bequeme Opferrolle zu verlassen und Verantwortung zu übernehmen.

Das Zitat ganz am Ende des Buches ist eine Aufforderung, unsere eigenen Normvorstellungen zu hinterfragen:

„Wenn wir an einem Strand entlanggehen und einen Stein mit einem Loch darin finden, sehen wir ihn nicht mit Abscheu an, nur weil die meisten anderen Steine keine Löcher haben. Im Gegenteil, wir sind möglicherweise fasziniert von der Vielfalt an Formen, auf die uns der Stein mit dem Loch aufmerksam gemacht hat. Aber auf die menschliche Form, die sich zu weit von der gültigen Norm entfernt, reagieren wir vollkommen anders“    (die Künstlerin Alison Lapper in ihrer Autobiografie einer Opportunistin)

 

Udo Sierck: Widerspenstig, eigensinnig, unbequem. Die unbekannte Geschichte behinderter Menschen, 174 Seiten, Beltz Juventa 2017, 16,95 EUR

 

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