Sütterlin – Samstag: Auftrag an einen Grafiker

05. März 2016 Allgemein, Sütterlin 0
Sütterlin – Samstag: Auftrag an einen Grafiker

von Von Almut Schäfer und der Sütterlinschreibstube Konstanz

Durch die Einführung der Schulpflicht in Preußen wurde es notwendig, eine leicht zu erlernende Schreibschrift zu entwickeln. Der preußische Staat beauftragte 1911 den Grafiker Ludwig Sütterlin, sowohl auf der Basis der deutschen Kurrentschrift als auch auf der lateinischen Schrift je eine Schulausgangsschrift zu entwickeln. Beide Sütterlinschriften wurden 1915 in Preußen eingeführt und nach und nach bis 1935 auch in den übrigen deutschen Ländern, d.h. die Zweischriftigkeit wurde beibehalten. Das erklärt, warum innerhalb eines Geburtsjahrgangs manche Menschen die lateinische und andere die deutsche Sütterlinschrift schrieben, obwohl sie in der gleichen Zeit zur Schule gegangen waren. (Meine Eltern waren z.B. beide 1908 geboren, aber nur mein Vater schrieb die jetzt verkürzt als „Sütterlin“ bezeichnete Spitzschrift).

1940 waren bereits weite Teile Europas durch die deutschen Truppen erobert worden. Da im außerdeutschen Ausland die Antiqua-Druckschrift verwendet wurde, mussten Bekanntmachungen in dieser Schrift erscheinen. Infolgedessen sahen sich die Nationalsozialisten gezwungen, – anstatt deutscher Sütterlinschrift und Fraktur – lateinische Schrift und Antiqua zu verwenden. Vermutlich ist diese machtpolitische Notwendigkeit der Hintergrund für den sogenannten Bormann-Erlass, in dem im September 1941 festgelegt wurde, „daß die Antiquaschrift künftig als Normalschrift zu bezeichnen sei“.(Als Begründung wurde angegeben, dass es sich bei den deutschen Druck-Spitzschriften um „Schwabacher Judenlettern“ handelte. Das entsprach nicht der Wahrheit, denn als im 16. Jahrhundert die deutschen Druck-Schriften entwickelt wurden, durften Juden gar keine Druckerei besitzen.) Ab 1941/42 durfte in den Schulen nur coh die lateiniscche Schrift als deutsche Normalschrift gelehrt werden und gedrucktes Schrifttum nur noch in Antiqua erscheinen.

Damit wurde den nachfolgenden Generationen der Zugang zum Schrifttum der Vergangenheit verwehrt und darum sind viele Menschen heute nicht in der Lage, die Briefe ihrer Vorfahren oder die Dokumente der Familiengeschichte zu lesen.

 

So bleibt den Menschen ein Teil ihrer Wurzeln unbekannt. Schade. Nicht nur für die, die ihre Biographie schreiben wollen. Zum Glück gibt es in Deutschland Ehrenamtliche, welche die Schrift lesen und in deutsche Normalschrift transkribieren können. Einen Überblick über alle Ehrenamtlichen gibt die Sütterlinstube .

Wer diese Menschen sind, erfahren Sie am nächsten Samstag.

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