Wir müssen Abschied nehmen – aber wie?

08. Juli 2014 Allgemein 4

Sag mal, Grit, liest Du die Todesanzeigen in der Zeitung? Eine interessante Lektüre, denn es lässt sich einiges aus Text und Gestaltung ablesen: Oft genau so viel über den, der die Anzeige geschaltet hat, wie über den Verstorbenen selbst.

 

Schon vor über 20 Jahren habe ich mit Spaß und Staunen: „Es ist echt zu bitter“ gelesen, ein Buch mit von Hans Mader gesammelten und kommentierten Todesanzeigen.

 

Letztes Jahr erschien mit „Ich mach mich vom Acker“ der dritte Band einer Trilogie von Büchern mit ebensolchen Inseraten. „Die Leute trauen sich mehr, sie sind einfallsreicher, in jeder Hinsicht“, schreibt der Anzeigensammler Matthias Nöllke in seinem Vorwort. Viele der kleinen Texte sind komisch – manchmal unfreiwillig – und entsprechend vom Herausgeber kommentiert. Zum Beispiel: „Im Alter von fast 90 Jahren ist unsere Olga gestorben. Wir sind nun doch sehr traurig.“ Oder: „Wir trauern um unsere blinde Nachbarin und Wanderkameradin Berta K, die uns für so vieles die Augen geöffnet hat.“

 

Ein schweres Schicksal wird in den Zeilen über einen verstorbenen Asylsuchenden offenbar: „Seit 1978 in Deutschland, blieb er hier namenlos, heimatlos, rechtlos. Schließlich wurde er auch in seiner Krankheit sprachlos, orientierungslos – hilflos. Nie kam ihn jemand besuchen.“ Das Personal der Station 25 im Klinikum Charlottenburg, Berlin, ehrte den Einsamen mit diesen letzten Zeilen.

 

Der Mitautor des Buches, Christian Sprang, präsentiert einen Teil seiner Sammlung von Todesanzeigen im Internet:

www.todesanzeigensammlung.de/


4 Gedanken zu “Wir müssen Abschied nehmen – aber wie?s”

  • 1
    Elfie Langenkamp am 10. September 2014 Antworten

    Hallo Katja,

    In manchen Todesanzeigen werden fast Geschichten erzählt, oder?
    In Tirol gibt es einen Museumsfriedhof, dort werden Grabsteininschriften aus mehreren Jahrhunderten ausgestellt. Die gesammelten Inschriften zeigen einen direkteren Umgang mit dem Abschied. Dort finden sich Sprüche wie:

    Hier
    schweigt
    Johanna
    Vogelsang
    sie zwitscherte
    ihr Leben
    lang.

    So beschrieben die Betreiber ihr Museum selber:
    „In diesem “Friedhof ohne Tote“ kann der Besucher – unter Schmunzeln bis zum befreienden Lachen – über das Versöhnliche von Werden und Vergehen nachdenken.“

    Hier ist ein bisschen mehr dazu zu finden:
    http://www.sagzahnschmiede.com/mfriedhof/

  • 2
    Grit am 15. September 2014 Antworten

    Liebe Katja,
    nun habe ich auch mal auf der von Dir vorgestellten Internetseite gestöbert. Obwohl ich die Todesanzeigen in der Zeitung lese, sind mir solche Texte noch nie untergekommen. Schade eigentlich. Schön und gleichzeitig sehr aussagekräftig finde ich zum Beispiel „Wie im Leben – Oma rief – Opa kam.“ Man kann sich doch mit diesem einen Satz bereits gut vorstellen, wie das Zusammenleben dieses Paares aussah, oder?

  • 3
    Ulli Kammigan am 28. September 2014 Antworten

    Hallo Katja,
    ich hab´´mal ein bisschen auf Euren Seiten gestöbert, und muss zu diesem Thema meinen Senf abgeben: Ich finde die meisten dieser Todesanzeigen einfach gräßlich und die Texte fantasielos. Ich habe vor kurzem selbst eine Anzeige aufgegeben, darin tauchte nur der Vorname unseres gestorbenen Freundes auf, ebenso von uns vier übrig Gebliebenen, hier sogar nur die »Spitznamen«. Mit dieser Anzeige konnten nur Menschen etwas anfangen, die uns kannten, und das war auch so beabsichtigt. Trotzdem fiel sie vielen Lesern, hier: des Niendorfer Wochenblattes, ins Auge, weil sie von dem Üblichen abwich.
    Du hattest sie übrigens auch gelesen, als Anhang einer E-Mail von mir.
    Das schreibt Dir Ulli aus Deinem ehemaligen Biografie-Kurs im Hamburg, dessen Mitglieder sich noch heute regelmäßig einmal im Vierteljahr treffen. Ich werde vom nächsten Treff berichten.

  • 4
    Katja am 29. September 2014 Antworten

    Hallo Ulli,

    danke für Deinen Kommentar. Ich habe eben nochmal darüber nachgedacht, wie es für diejenigen ist, die so eine Anzeige aufgeben. Ich habe das erst einmal gemacht: Wir setzten uns nach dem Tod einer engen Verwandten zusammen, um gemeinsam einen Anzeigentext zu verfassen. Wir hatten das Gefühl, das Schreiben „hinter uns bringen“ zu wollen, waren zugleich aber noch sehr traurig über den Tod. Deshalb ist die Anzeige nicht sehr originell geworden. Sicher aber auch nicht „grässlich“, wie Du, Ulli, viele Anzeigen findest.

    Ich freue mich auf Deinen Bericht von Eurem nächsten Treffen!

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